«Die Diagnose ist nur wegen unserem System, in dem wir
leben, wichtig»
Ein Gespräch mit Marah Rikli
Einführung
In diesem Gespräch berichtet Marah Rikli, Autorin, Speakerin für Diversität und Inklusion sowie Mutter einer Tochter mit Behinderungen, von ihren Erfahrungen mit Diagnostik, Heilpädagogischer Früherziehung und dem Gesundheitssystem in der Schweiz. Sie schildert eindrücklich die Unsicherheiten in der frühen Entwicklungsphase, den langen Weg bis zur Diagnose sowie die ambivalenten Erfahrungen mit Fachpersonen und Institutionen. Ihre Ausführungen zeigen, wie stark das System von Defizitorientierung und administrativen Hürden geprägt ist, aber auch, inwiefern Diagnosen den Zugang zu Unterstützung vereinfachen können. Im Zentrum steht der Wunsch nach einer stärkeren, ressourcenorientierten und menschlich zugewandten Begleitung von Familien.
Introduction
Dans cet entretien, Marah Rikli, autrice, conférencière spécialisée dans les questions de diversité et d’inclusion, ainsi que mère d’une fille en situation de handicap, revient sur ses expériences du processus de diagnostic, de l’éducation précoce spécialisée et du système de santé suisse. Elle évoque les incertitudes qui ont marqué les phases précoces du développement, le long cheminement jusqu’au diagnostic ainsi que les expériences contrastées avec les spécialistes et les institutions. Son témoignage révèle un système encore fortement marqué par une approche orientée vers les déficits et par des obstacles administratifs, tout en montrant comment le diagnostic peut faciliter l’accès à l’aide. Au cœur de son récit se tient le souhait d’un accompagnement des familles renforcé, orienté vers les ressources et l’humain.
Keywords: Behinderung, Heilpädagogische Früherziehung, Kommunikation, Elternbildung, Diagnostik, Interview / handicap, éducation précoce spécialisée, communication, éducation des parents, diagnostic, entretien
DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-08-01
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 08/2026
Einstieg und persönliche Situation
SZH: Frau Rikli, wir freuen uns sehr, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Gespräch. In Reportagen und Essays – unter anderem im Tagesanzeiger und in der Zeitschrift Annabelle – schilderten Sie Ihre Erfahrungen mit der Entwicklung Ihrer Tochter. Kurz nach der Geburt war klar: Ihre Tochter entwickelt sich langsamer als die meisten Kinder. Als sie 18 Monate alt war, riet der Kinderarzt zu Abklärungen. Wann und woran haben Sie selbst zum ersten Mal gemerkt, dass sich Ihre Tochter anders entwickelt?
Ronja, so nenne ich meine Tochter in meinen Texten, ist mein zweites Kind. Sie hat einen neun Jahre älteren Bruder. Ich habe also aus Mutterperspektive schon eine gewisse Erfahrung mitgebracht. Als mein Sohn auf die Welt kam, war er aktiv, trank viel, bewegte sich so, wie ich es erwartete. Bei meiner Tochter habe ich direkt nach der Geburt gemerkt, dass sie sich anders bewegt. Sie kam mir vor wie eine kleine Schildkröte, bei der alles verlangsamt ist. Sie wirkte ein wenig wie ein Frühchen, obwohl sie gar keines war.
Als ich nach der Geburt zu Hause im Wochenbett war, bin ich zweimal in die Notfallstation des Kinderspitals Zürich gefahren. Ich habe da sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Ärzt:innen haben mich sehr ernst genommen und meine Tochter mehrmals untersucht. Sie haben gemerkt, wie berechtigt meine Sorgen waren, aber konnten keine Diagnose stellen. Es hiess immer wieder, organisch sei alles in Ordnung. Vielleicht sei das Kind etwas langsamer. Sie sagten, dass ich bei Unsicherheiten einfach wieder vorbeikommen sollte.
Vonseiten der Hebamme und der Gesellschaft habe ich eher die negative Erfahrung gemacht, dass ich als Mutter nicht ernst genommen wurde. Meine Sorgen wurden heruntergespielt: «Das ist jetzt halt einfach so eine Ängstliche, die sich zu viele Gedanken macht», bis hin zu: «Denkst du nicht, du hast eine postnatale Depression?» Aber das war es wirklich nicht. Ich habe gespürt, dass Ronja nicht zügig genug trinkt und sich anders entwickelt.
Der Kinderarzt begegnete uns bei der ersten Untersuchung auf eine Weise, die Vertrauen schuf und uns stärkte. Das war sehr gut. Er hat den schmalen Grat geschafft zwischen genauem Hinsehen, ehrlicher Einschätzung und uns trotzdem noch genug Zeit gelassen. Im Nachhinein bin ich froh, dass wir die 18 Monate ohne Spital mit Ronja hatten. Wir hatten keine Ahnung, was alles auf uns zukommen würde. Um nochmals zur Frage zurückzukommen: Ich habe es direkt nach der Geburt gemerkt, aber es war nichts Sichtbares da.
Können Sie noch genauer beschreiben, warum Sie froh waren um diese 18 Monate?
Rückblickend war es eine unbeschwerte Zeit. Wir hatten nicht so viele Arzttermine und niemand kam in den privaten Bereich, ausser Freund:innen und Verwandte. Es war auch nicht dringend notwendig, dass man uns unterstützt. Ronjas Behinderung war im Babyalter nicht so belastend, weder für sie noch für uns. Sie konnte essen und trinken, hat gut zugenommen und war ein sehr fröhliches Baby.
Irgendwann hat sie sich dann aber nicht mehr weiterentwickelt. Es sind uns verschiedene Dinge aufgefallen: Sie hatte immer den Mund offen, die Zunge schaute heraus, sie hat sehr stark gesabbert und nicht gegriffen, obwohl man das in diesem Alter eigentlich erwartet hätte. Insofern war diese Zeit nur begrenzt sorgenfrei, da ich schon wusste, dass etwas mit Ronja nicht stimmte. Aber ich dachte, wir warten so lange wie möglich. Ich bin froh, dass ich mich nicht direkt nach der Geburt – zusätzlich zur Hormonumstellung – mit den Verdachtsdiagnosen auseinandersetzen musste, sondern erst zu einem Zeitpunkt, als unser Familiensystem bereits stabiler war.
Erst nach neun Jahren Abklärungen, als meine Tochter knapp elf Jahre alt war, wurde dann eine sehr seltene genetische Erkrankung diagnostiziert.
Diagnosestellung und ihre Bedeutung
Hatten Sie Angst vor der Abklärung beziehungsweise vor einer Diagnose?
Am Anfang nicht. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was bei einem solchen Abklärungsprozess auf uns zukommt. Ich habe mich auf die Abklärungen dennoch eingelassen, damit man – falls tatsächlich etwas vorliegen sollte – frühzeitig handeln und gegebenenfalls behandeln kann. Es war mir wichtig, nichts zu verpassen. Wir haben alles gemacht, was uns empfohlen wurde. Aber mir war nicht bewusst, wie lange die Wartezeiten sind, wie lange die Termine dauern, wer alles involviert ist, wie oft man das Gleiche erzählen muss und wie oft IV und Krankenkassen Anträge und Kostenübernahmen ablehnen.
Natürlich waren da auch Ängste. Etwa, als mein 20 Monate altes Kind sediert werden musste für das MRI und wir nicht wussten, ob die Fachpersonen nun einen Tumor finden. In solchen Momenten weiss man nicht, was einen erwartet. Man macht sich Sorgen darüber, was herauskommen wird.
Wenn man so oft in Krankenhäusern ist, hat man zudem viele Begegnungen, die die eigene Perspektive und das gesamte Leben verändern. Man wird sich bewusst: Nichts ist selbstverständlich. Man trifft Kinder mit Krebserkrankungen oder Kinder, die palliativ begleitet werden. Oder Menschen, die gerade eine Diagnose erhalten haben. Diese Begegnungen haben mich sehr bewegt und gleichzeitig habe ich einen tiefen Respekt vor dem Leben entwickelt. Ich bin dankbar und demütig geworden. Und ich habe auch Respekt vor den Situationen und der Arbeit der Menschen in den Krankenhäusern, sowie vor allen, die Carearbeit leisten.
Ja, Familien wie wir erleben vieles. Zum Beispiel in der Genetik. Die genetischen Abklärungen waren ein Prozess von etwa vier oder fünf Jahren. Wir haben während dieses Verfahrens mehrmals sehr sachliche Briefe dazu erhalten, welches Syndrom als Nächstes im Verdacht steht. Schliesslich kann man nur gezielt nach bestimmten Auffälligkeiten suchen. Und dann sagen die Ärzt:innen: «Wir schicken Ihnen die Verdachtsdiagnose nach Hause, aber googeln Sie nicht.» Natürlich macht man genau das und dann heisst es einmal, die Lebenserwartung liege bei drei Jahren und einmal, sie liege bei zwölf Jahren. Man ist mit dieser Situation sehr allein, niemand ruft an und fragt, wie es einem geht. Das zeigte sich auch bei den Ergebnissen: Als meine Tochter elf Jahre alt war, erhielt sie eine sehr seltene genetische Diagnose. Sie ist aktuell das einzige Kind in der Schweiz mit dieser Diagnose und eines von elf Betroffenen weltweit. Auch da ist man allein. Niemand ist da, der mit der Familie bespricht, was eine solche Diagnose konkret bedeutet und welche Unterstützung oder welches Casemanagement nun notwendig wäre. Häufig beschränkt sich die Begleitung auf den Hinweis, den Fall der Invalidenversicherung (IV) zu melden.