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zur Ausgabe Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik

Verstehen statt Schubladisieren

Silvia Schnyder

DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-08-00

Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 08/2026

Creative Common BY

Wenn ein Kind sich anders entwickelt, beginnt für viele Familien eine Zeit voller Unsicherheit, Abklärungen und Zuschreibungen. Sie werden mit Begriffen, Kategorien und Diagnosen konfrontiert, die Orientierung geben sollen, aber ebenso gut einengen können.

Marah Rikli hat eine Tochter mit Behinderungen. In einem Interview in dieser Ausgabe beschreibt sie sehr differenziert, dass sie die besondere Entwicklung ihrer Tochter früh wahrnahm: nicht als plötzliche Abweichung, sondern als leises, körperliches Anderssein. Gleichzeitig zeigt sich, wie schwer es ist, solche Eindrücke als Eltern in Worte zu fassen und ernst genommen zu werden – sowohl im medizinischen System als auch im sozialen Umfeld. Die elterliche Wahrnehmung wird von Aussenstehenden immer wieder hinterfragt und entweder als berechtigte Sorge oder aber als Überängstlichkeit eingeordnet.

Das Interview macht deutlich, dass Diagnostik ambivalent ist. Einerseits schafft sie Zugang zu Unterstützung, sie entlastet von eigenen wie fremden Schuldzuschreibungen und eröffnet Fördermöglichkeiten. Andererseits bleibt die Diagnostik in einem System verankert, das stark defizitorientiert funktioniert. Oft steht im Vordergrund, was ein Kind nicht kann – während seine Fähigkeiten, Eigenheiten und Entwicklungsschritte weniger beleuchtet werden. Eine Diagnose kann somit erklären, ein Kind aber auch schubladisieren. Die Ambivalenz der Diagnostik zeigt sich besonders eindrücklich in den Erfahrungen von Marah Rikli mit dem langwierigen, oft einsamen Prozess der Abklärungen. Unsicherheiten, widersprüchliche Einschätzungen und fehlende kontinuierliche Begleitung prägen diesen Weg ebenso wie Momente der Entlastung. Marah Rikli berichtet, wie sehr Familien auf sich allein gestellt sein können, wenn ihr Kind eine seltene oder komplexe Diagnose erhält.

Das Gespräch mit Marah Rikli erinnert daran, dass es in der Diagnostik im Kern nicht um Kategorien gehen sollte, sondern um Menschen. Um Kinder, die sich entwickeln – auf ihre eigene Weise, in ihrem eigenen Tempo. Und um Eltern, die lernen müssen, sich zwischen medizinischen Begriffen, institutionellen Anforderungen und ihrem eigenen Wissen über ihr Kind zurechtzufinden.

«Verstehen statt Schubladisieren» bedeutet in diesem Kontext, eine Diagnose nicht als abschliessende Beschreibung eines Kindes zu verstehen. Vielmehr geht es darum, den Blick für seine individuellen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten zu öffnen. Entscheidend ist daher weniger die Diagnose oder Zuordnung, sondern das Kind und sein Verhalten im jeweiligen Kontext zu verstehen.

Wie das Interview plädieren auch die anderen Beiträge dieser Ausgabe letztlich für eine Haltung der Offenheit und für ein System, das weniger bewertet und mehr begleitet. Dazu gehören Fachpersonen, die bereit sind, Unsicherheiten auszuhalten, genau hinzusehen und Kinder nicht auf eine Diagnose zu reduzieren. Eine verstehensorientierte Diagnostik zielt darauf ab, durch systematische Beobachtung, Dialog und Reflexion ein möglichst differenziertes Bild des Kindes zu gewinnen. Denn verstanden wird ein Kind nicht durch eine Schublade – sondern durch Beziehung, Zeit und einen Blick, der Vielfalt zulässt.

Silvia Schnyder

Wissenschaftliche

Mitarbeiterin

SZH/CSPS

silvia.schnyder@szh.ch

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