Räumlich-architektonische Bedingungen zur Emotionsregulation

Prävention und Deeskalation von herausforderndem Verhalten bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung

Patrick Wegmüller, Pia Georgi-Tscherry und Stefania Calabrese

Zusammenfassung
Dieser Artikel zeigt Ergebnisse einer Vorstudie zu präventiven und deeskalativen räumlich-architektonischen Bedingungen zur Emotionsregulation von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und herausfordernden Verhaltensweisen. Literaturrecherchen haben gezeigt, dass der Publikationsbestand zu diesem Themenbereich marginal ist. Anhand von Expert:inneninterviews wurden Fachkräfte der Intensivbetreuung sowie Architekt:innen befragt und die Daten inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Ergebnisse verweisen auf fünf Aspekte, die zur Prävention und Deeskalation von herausforderndem Verhalten beitragen.

Résumé
Cet article présente les résultats d'une étude préliminaire sur l’influence des conditions spatio-architecturales sur la régulation émotionnelle des personnes ayant une déficience intellectuelle et des comportements-défis dans la prévention et la désescalade. La revue de la littérature a montré que les publications sur ce thème sont marginales. Les données récoltées lors d’entretiens avec des expertes et experte du domaine de l’accompagnement intensif et de l’architecture ont été analysées. Les résultats mettent en évidence cinq aspects qui contribuent à la prévention et à la désescalade des comportements-défis.

Keywords: Verhaltensauffälligkeit, sozial-emotionale Entwicklung, kognitive Beeinträchtigung, Prävention, Architektur / trouble du comportement, développement socio-émotionnel, déficience intellectuelle, prévention, architecture

DOI: https://doi.org/10.57161/z2023-09-07

Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 29, 09/2023

Creative Common BY

Ausgangslage – Umwelt und herausforderndes Verhalten

Herausforderndes Verhalten von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung – zum Beispiel Fremd- und Selbstverletzung sowie Sachbeschädigung – hängt eng mit der Umwelt zusammen. Nach dem systemökologischen Ansatz[1] entstehen herausfordernde Verhaltensweisen (HEVE) durch ungünstige Interaktionen zwischen Individuen und ihrer Umgebung. Die Ursachen für herausfordernde Verhaltensweisen umfassen persönliche Faktoren wie kognitive Einschränkungen sowie externe Bedingungen wie die soziale, räumliche und materielle Umwelt (Theunissen, 2021). Ungenügende oder störende soziale, physische und materielle Einflüsse können die emotionale Regulation von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung behindern und herausfordernde Verhaltensweisen fördern.

Physisch-materielle Faktoren, einschliesslich der von der Architektur geschaffenen Umgebung, wirken zusammen mit natürlichen Umweltfaktoren auf Menschen und ihr Verhalten im Raum ein (Flade, 2020). Wohnpsychologisch gesehen nimmt der gestaltete Raum grundlegend auf Bedürfnisse, das Wohlbefinden und die Sicherheit erheblich Einfluss (Purkarthofer & Friehs, 2022; Flade, 2020). Institutionen wollen das Wohlbefinden und die Sicherheit der Klientel nachhaltig sicherstellen. Dafür verfolgen sie eine gezielte Prävention, die beabsichtigt, die Regelmässigkeit und das Ausmass von herausfordernden Verhaltensweisen zu verringern.

Schlüsselrolle – Prävention und Deeskalation durch gestaltete Wohnbeschaffenheit

Die kontextzentrierte Prävention gewinnt in der Behindertenhilfe an besonderer Bedeutung in Bezug auf die räumlich-architektonische Umwelt. Damit gemeint ist die bewusste Bebauung und Gestaltung der Umwelt, die indirekt und prophylaktisch herausfordernde Verhaltensweisen von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung beeinflusst. Die Priorität ist dabei, die Lebensqualität zu steigern und nicht primär herausfordernde Verhaltensweisen zu verringern (Calabrese, 2017). So ergänzt die räumlich-architektonische Gestaltung massgeblich die agogischen Strategien in der Prävention von herausfordernden Verhaltensweisen von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die institutionalisiert leben.

Eine ästhetische Raumgestaltung kann Stress minimieren, destruktiven Tendenzen vorbeugen und handlungsleitende Anregungen bieten. Daher müssen die räumlich-architektonischen Aspekte der Infrastruktur als Potenziale der Prävention erkannt und reflektiert werden. Zudem sollen sie an die Bedürfnisse der Klientel ausgerichtet sein, das heisst, einer agogisch-therapeutischen «Wohnbeschaffenheit» (Meuth, 2017, S. 113) entsprechen. Die Beschaffenheit der Wohninfrastruktur wird im Idealfall den vielfältigen Anforderungen gerecht und unterstützt die Mitarbeitenden in ihrer Arbeit, die Entwicklung der Klientel zu fördern.

Vorstudie «HEVE» zu Erwachsenen mit kognitiven Beeinträchtigungen

Es besteht wenig empirisch gesichertes Wissen darüber, welche räumlich-architektonischen Bedingungen einen signifikanten Einfluss auf die Prävention und Deeskalation von herausfordernden Verhaltensweisen von Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung haben und zur Emotionsregulation beitragen. Daher sollte eine qualitative Vorstudie einen Überblick und eine Ausdifferenzierung des Forschungsgegenstands leisten.

Die Literaturrecherche (n = 58) erfolgte manuell nach dem Schneeballprinzip. Nur wenige Studien (n = 8) behandeln das Thema der herausfordernden Verhaltensweisen bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung im Zusammenhang mit räumlich-architektonischen Bedingungen der Umwelt. Dies zeigt, dass der Forschungsstand unzureichend ist.

Die Literaturrecherche ergab nur begrenzte Ergebnisse. Ergänzend wurden deshalb Interviews mit zwei Expert:innen[2] aus dem Bereich der Architektur sowie Interviews mit zwei Fachpersonen aus der Intensivbetreuung durchgeführt. Dazu eignete sich die Erhebungsform des explorativen Experteninterviews nach Bogner et al. (2002). Das gesammelte Kontextwissen wurde im Anschluss einer inhaltsanalytischen Auswertung unterzogen (Mayring, 2015).

Resultate der Inhaltsanalyse

In der inhaltsanalytischen Auswertung erfolgte eine Systematisierung des Kontextwissens. Aussagekräftige Textbestandteile wurden interviewübergreifend verglichen, zusammengefasst und als Kategorien benannt. Im Anschluss wurden die Themen den folgenden fünf ermittelten Aspekten aus der Literaturrecherche zugeordnet.

Relokation, Umbau, Renovierung und Neugestaltung von Raumkomplexen

Präventiv wirken Umzüge, Umbauten und Renovierungen, wenn die Verbesserungen der Umgebung grösstmöglich an die Bedürfnisse und realisierbaren Wünsche der Klientel angepasst sind. Architekturstilistische Überlegungen während der Planung von Raumkomplexen dürfen dem Fokus auf Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und herausfordernden Verhaltensweisen nicht entgegenstehen. Präventiv wirkt, wenn die Klientel in den Prozess einbezogen wird: «Wenn man das ohne die Nutzer[:innen] entwirft, dann wird es auch ein Gebäude, wo die sich nicht gehört fühlen» (D, Z. 105–106).

Eine fachkundige Beratung, Moderation und wissenschaftlich fundierte Analyse fördern konsensfähige Ziele und Interessen der unterschiedlichen Beteiligtengruppen. Vorgefertigte Entwürfe und Vorstellungen stehen der kollaborativen Entscheidungsfindung und aktiven Partizipation der Klientel an Gestaltungsprozessen eher entgegen. Sie können entscheidende präventive Potenziale unberücksichtigt lassen.

Zugänge in Leichter Sprache und die Assistenz durch Mitarbeitende im nahen Umfeld von einzelnen Klient:innen erleichtern die Teilhabe an der Gestaltung. Beobachtungen und ein daraus resultierendes Verständnis der Einzelnen und der Zielgruppe sind besonders wichtig, um eine passgenaue, unterstützende und präventive Umgebung zu gestalten: «Diese Selbstermächtigungswirkung, diese Erfahrung von Demokratie und dieses ‹meine Meinung ist wichtig, mein Erleben wird gehört, ich kann mich darüber mit anderen abstimmen›» (C, Z. 202–204).

Räumlich-architektonische Ausgestaltungen

Räumlich-architektonische Ausgestaltungen erzielen in Innen- und Aussenräumen präventive Wirkung. Beauftragte der Architektur und Innenausstattung führen bauliche und gestalterische Veränderungen für Einzelpersonen oder für Gruppen durch. Dagegen konzentrieren sich Mitarbeitende und Klient:innen eher darauf, baulich gegebene, private oder gemeinschaftliche Räume im weiteren Detail bedürfnisorientiert und partizipativ auszugestalten.

Die Anpassung der Privaträume erfolgt nach den individuellen Wohnbedürfnissen. Dies geschieht durch Selbstbestimmung und unterstützende Gestaltung. Mitarbeitende initiieren eine unterstützende, fremdbestimmte Steuerung der räumlichen und materiellen Aspekte der Privaträume, wenn sie eine maximale Autonomie seitens der Klient:innen nicht verantworten können. Entscheidend ist, dass fremdbestimmte räumlich-materielle Aspekte stetig reflektiert und Möglichkeiten eröffnet werden, um die Fremdbestimmung zu reduzieren und die gestalterische Autonomie der Klient:innen zu bestärken: «Das muss natürlich gut begründet sein und wichtig ist […] auch, […], dass man immer wieder daran denkt, immer wieder aufzutun, immer wieder zu probieren» (A, Z. 189–191).

Die Unterstützung bei der Gestaltung bewegt sich zwischen Fürsorge, Hygiene, Risikovermeidung einerseits und Selbstbestimmung, Personalisierung von Räumen andererseits. Es bedarf gestalterischer Spielräume, die Schäden an Gegenständen und Mobiliar aushalten können. Schäden und Störungen (z. B. defektes Mobiliar, verwelkte Pflanzen) erfordern rasche Behebung: «Material kann man ersetzen und Menschen nicht, und Entwicklung müssen wir anstossen» (A, Z. 205–206).

Räumlich-architektonische Ausgestaltungen beziehen sich auf die räumliche Platzierung und Anordnung von Personen und Gegenständen. Neben den Mitarbeitenden und der Klientel sind in dieser Praxis teilweise auch Dritte involviert: «Wir […] mussten in Zusammenarbeit mit der gesetzlichen Vertretung definieren, was er im Zimmer haben kann und was nicht» (B, Z. 137–138).

Damit verbunden ist die Raumregulierung – das spontane oder geplante Teilen von Räumlichkeiten und das dadurch ermöglichte Umplatzieren der Klientel. Insbesondere Mitarbeitende müssen Räume durch Trennwände und Türen flexibel trennen, erweitern, öffnen und schliessen können. So ermöglichen sie Gruppierungen, Segregationen und Absonderungen. Raumregulierung ist nicht nur für die Sicherheit und in herausfordernden Situationen entscheidend, sondern sichert auch präventive Momente wie zu Essenszeiten: «Wir haben die Möglichkeit, […] dass man Gruppen […] auseinander nehmen kann» (B, Z. 427–428).

Selbstständige, begleitete oder veranlasste Orts- und Raumwechsel sind eine Form der Ausgestaltung der Umwelt. Diese kann positiv auf die (Wieder-)Erlangung von Emotionsregulation wirken. Vor allem Naturerlebnisse bieten vielen Klient:innen relativ sichere und selbstleitende Freiräume, was wiederum ihre Emotionsregulation unterstützen kann: «Und auf einmal merkte er, dass die Tür offen ist, dass er hinausgehen kann. Und plötzlich war […] [der Drang nach Freiräumen] gar nicht mehr so wichtig» (D, Z. 277–278).

Generelle räumlich-architektonische Umwelt

Allgemein erfüllen Räumlichkeiten und Übergänge nicht nur technische Funktionen, sondern vor allem soziale: «Und ich finde, der [Spruch] müsste heissen, Form Follows Social Function» (C, Z. 282). Ein Einzelzimmer mit Bad bietet einen Rückzugsort für Klient:innen, der Privatsphäre, Erholung und Sicherheit im Wohnumfeld gewährt. Ein Büro für Mitarbeitende sollte Ruhe, Gelegenheit zur Kommunikation und Sichtbarkeit gegenüber dem aussen Stattfindenden erlauben. Die Räume stehen nicht nur für sich, sondern erfüllen gerade im Zusammenspiel entscheidende soziale Zwecke, die Balance abverlangen (z. B. Wohnlichkeit für Klient:innen trotz Arbeitsplatz von Mitarbeitenden).

Die bestehende Umgebung sollte ausreichend flexibel sein, um vielfältigen und sich ändernden Anforderungen zu entsprechen. Räume, die bewusst oder notwendig multifunktional genutzt werden, laufen Gefahr, ohne durchdachte Konzepte desorientierende Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zu verstärken. Diese können Unbehagen und Spannungen hervorrufen: «Räume, wo man nachher nicht mehr recht weiss, was die für eine Funktion haben, was macht man jetzt eigentlich mit dem Raum» (A, Z. 538–539).

Soziale Einrichtungen als Raumkomplexe werden als unvermeidliche Abfolge von Räumen wahrgenommen, wodurch darin bestehende Dynamiken und Regeln störend wirken können. Daher müssen Möglichkeiten zur Umgehung, Verkürzung und Übergänge zwischen Räumen sorgfältig bedacht werden. Die Selbstbestimmung der Klientel in Bezug auf Geselligkeit oder Rückzug kann berücksichtigt werden, indem neben einem deutlich sichtbaren Haupteingang zusätzliche Zugänge geschaffen werden. Diese ermöglichen ein anonymeres Betreten und Verlassen sowie direktere Wege zu Privatzimmern, ohne dass man an potenziell reizdichten Orten vorbeigehen muss: «[S]ie haben sich auch einen zweiten Eingang gewünscht, wo sie quasi inkognito in ihr Zimmer kommen können» (C, Z. 239–240).

Reizarmut gilt als Basis eines räumlichen Designs, die sich beispielsweise in der minimalistischen Grundausstattung von Räumen, klaren Formen und zurückhaltenden Farben äussert. Diese Räume werden zwingend den individuellen Bedürfnissen der Zielgruppe und Anforderungen an positiv stimulierende Reizdichte und Reizvielfalt beziehungsweise der Sensorik angepasst. Die reizadäquate Atmosphäre wird auch durch die Anordnung von (emotional besetzten) Gegenständen gestaltet (z. B. Möbel, Pflanzen, Fotos). Diese Ausstattung bietet zwar ein Gefahren- und Konfliktrisiko, leistet jedoch neben der ästhetischen auch eine identitätsbildende Funktion.

Das Wahrnehmen von ästhetischer Atmosphäre ist höchst subjektiv. Deswegen muss das räumliche Platzieren von Gegenständen insbesondere in Wohn- und Einzelzimmern kollektiv oder individuell abgestimmt werden. Zudem müssen die darauffolgenden Reaktionen beobachtet werden. Präventiv wirkt, wenn übersichtliche Raumumgebungen entstehen, in denen atmosphärische Elemente zugänglich und selbstständig steuerbar sind (Lichteinfälle und Temperaturunterschiede durch Rollläden, Lichtschalter, Heizungsregler u. a.): «[D]iese Entscheidungsfreiheit, die gibt […] jemandem echt menschliche Würde und so ein Gefühl von Wow» (D, Z. 299–301).

Innen- und Aussenräume der Begegnung sind Knotenpunkte, die grosszügig ausfallen sollten. So können soziale Kontakte nicht nur gepflegt, sondern auch je nach Bedürfnis und Situation vermieden werden: «Es ist gut, wenn der Raum, der Gang […], genug breit ist, dass man gut aneinander vorbeikommt» (A, Z. 554–555). Nischen sind an reizdichten Knotenpunkten von Vorteil. Sie verhelfen zur selbstbestimmten räumlichen Verortung und Erholung.

Fenster und Türen sind wichtige räumliche und atmosphärische Regulatoren der Umgebung und haben eine besondere präventive und deeskalative Bedeutung. Breite Fenster, idealerweise auf verschiedenen Höhen platziert, bieten Sichtschutz und freie Sicht. Sie sollten regulierbar sein. Grosse Glasflächen in Türen mit einstellbarem Sichtschutz fördern Sicherheit, Orientierung und Nachvollziehbarkeit in Räumen. Sicherheitstüren wie Kontakttüren ermöglichen neben der Sichtbarkeit zwischen Klient:innen und Mitarbeitenden eine direkte akustische und physische Präsenz, trotz räumlicher Trennung: «[D]as ist wichtig oder, dass die Kontakttüre Löcher hat. Weil eine Tür, die ganz zu ist, schliesst komplett ab, dann ist man einsam, losgelöst und ausgeschlossen» (A, Z. 311–313). Zusätzliche Fluchttüren im Raum gelten als wichtige Absicherung und sind Teil einer deeskalativen Schutzstrategie.

Für Mitarbeitende bedeutsam sind ausreichend Büroräume, Sitzungszimmer sowie ein ausschliesslich als Schlafraum genutztes Pikett-Zimmer. Hinzu kommen informellere Erholungs- und Gemeinschaftsräume sowie überdachte Plätze im Aussenbereich.

Spezifische Umweltmerkmale

Spezifische Umweltmerkmale tragen zur Gesamtatmosphäre im Raum bei. Ob etwas angenehm oder störend wirkt, hängt stark von der individuellen Wahrnehmung und Präferenz ab. Verallgemeinerbare Indikatoren sind vor allem einfache Natureinflüsse und -elemente, die das Wohlbefinden und die Emotionsregulation in Innen- und Aussenräumen fördern: «Natürliche Materialien spielen eine unglaublich grosse Rolle, weil Menschen irgendwie doch so ein Urgefühl haben, was ein Baum ist und echtes Holz […], ich merke immer, dass das zu einer unglaublichen Entspannung führt […]» (D, Z. 168–169).

In Innenräumen schaffen Naturbaustoffe und natürliche Materialien eine angenehme Atmosphäre. Räume mit Holzverkleidungen anstelle von Betonwänden wirken weicher und entspannender. Glatte, splitterfreie Hölzer wie Ahorn und Esche sowie feste Hölzer wie massive Eiche tragen zur Sicherheit bei und lassen sich bei Beschädigungen leicht ersetzen. Harte, anorganische Materialien und festgeschraubte Möbel sollten vermieden werden.

Pflanzen wirken nicht nur ästhetisch ansprechend und beruhigend, sondern können erheblich zur Verbesserung der Luftqualität beitragen: «Grünpflanzen sind generell für Menschen sehr von positiver Wirkung – wirklich sehr, sehr stark» (C, Z. 377–378). Auch ein gezielter Einsatz von Düften kann zu einer als angenehm erlebten Atmosphäre beitragen.

Die Wahrnehmung beruhigender Farben ist subjektiv. Natürliche, helle und warme Töne tragen zu einer angenehmen Raumatmosphäre bei. Triste oder grelle Farbtöne können das Wohlbefinden negativ beeinflussen. Schwarz kann durch seine irritierende Tiefenwirkung stören. Farben wirken vor allem positiv, insbesondere in Privatzimmern, wenn sie zur gewünschten Identität der Klient:innen passen und nach Möglichkeit frei gewählt sind. Die Farben untermauern den Ausdruck von Identität. Zu beachten ist, dass sich die Präferenzen und Anforderungen der Klientel verändern können. Klare Orientierung bieten kontrastreiche, aber dennoch harmonisch wirkende farbliche Leitlinien und Führungselemente im Flur an Böden und Wänden ausserhalb des Schlafzimmers.

Licht ist äusserst bedeutsam für die präventive Raumgestaltung und nimmt grundlegend Einfluss auf die Stimmung. Natürliche Lichteinfälle sind ebenso wichtig wie künstliches Licht. Natürliches Licht erleben die Klient:innen vorzugsweise auf verschiedene Arten. So können Lichtempfindlichkeit und das Bedürfnis nach Helligkeit individuell abgestimmt werden. Künstliches Licht ist in den Räumlichkeiten der Klient:innen nach Möglichkeit selbst regulierbar.

Die Akustik spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle bei der präventiven Gestaltung einer sensibilisierten Umgebung. Aufgrund erhöhter Lärmpegel müssen die Schlaf- und Wohnräume sowie Flure durch Schallisolierung vor störendem Hall geschützt werden, um präventive und deeskalative Raumbedingungen zu gewährleisten. Lärmschluckende Trennwände und Türen, die zudem geräuscharm sind, unterstützen die Kontrolle über den Schall. Ein angemessenes Verhältnis zwischen gewünschter Hörbarkeit und unerwünschten Geräuschquellen muss entsprechend der Interaktion zwischen Klientel und Mitarbeitenden in den Räumen festgelegt werden.

Hinweise, Empfehlungen, Richt- und Leitlinien zu gestalteter Umwelt

Ein Ansatz, der sich an den raumnutzenden Menschen und ihren Bedürfnissen orientiert, dient als Richt- und Leitlinie zur bedarfsgerechten, präventiven und deeskalierenden Gestaltung von räumlich-architektonischen Bedingungen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe. Der Raum kann subtil als vermittelnde Instanz zwischen Selbstbestimmung und erforderlicher, schutzbedingter Fremdbestimmung gelten. Die räumlich-architektonische Konzeption und gezielte Gestaltung des Raumes können präventiv wirken, speziell bei der Klientel mit herausfordernden Verhaltensweisen: «Je höher der Aggressionsgrad und je höher […] das unverstandene Verhalten […], umso mehr Geld sollte man ausgeben und es wirklich schön machen» (D, Z. 268–270).

Eine grundlegende Empfehlung ist der identitätsbezogene Ansatz zur Gestaltung räumlich-architektonischer Umwelt. Präventiv und deeskalativ wirkt ein Raum, besonders das Privatzimmer, wenn dieser nach persönlichen Vorlieben und Bedürfnissen gestaltet ist. Damit widerspiegelt er Individualität und Identität. Weckt der Raum bedeutungsvolle, positiv besetzte, persönliche Assoziationen und Erinnerungen, erlaubt dies Selbsterfahrbarkeit und innere Verbundenheit, die das emotionale Wohlbefinden bestärken können: «Das heisst Identität oder die gewünschte Identität von jemandem ist das Leitmotiv [bei der Raumgestaltung]» (D, Z. 377).

Schlussfolgerungen

Die Vorstudie zeigte: Eine kontextzentrierte Prävention von herausfordernden Verhaltensweisen bei Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung kann das Wohlbefinden stabilisieren und somit die Emotionsregulation stärken. Die in der Auswertung deutlich gewordenen Indikatoren der Prävention und Deeskalation decken sich mit den Erkenntnissen aus den Studien der Literaturrecherche und sind darüber hinaus vielfältiger. Die Indikatoren Prävention und Deeskalation müssen als Hypothesen betrachtet werden, die als Grundlagen zu weiterführenden Untersuchungen einladen sollen. Zudem sollen sie dazu anregen, praktische Massnahmen zur Gestaltung von präventiven und deeskalativen Umgebungen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe und insbesondere in der Intensivbetreuung zu ergreifen. Das Institut für Sozialpädagogik und Bildung der Hochschule Luzern plant auf Grundlage der vorliegenden Vorstudie und bei gegebener Finanzierung ein weiterführendes Forschungsprojekt zur Thematik im Jahr 2024.

Patrick Wegmüller
Wissenschaftlicher Mitarbeiter

HSLU – Soziale Arbeit

Institut für Sozialpädagogik

und Bildung

patrick.wegmueller@hslu.ch

Prof. Dr. Pia Georgi-Tscherry
Dozentin & Projektleiterin

Stv. Institutsleiterin

HSLU – Soziale Arbeit

Institut für Sozialpädagogik

und Bildung

pia.georgi-tscherry@hslu.ch

Prof. Dr. Stefania Calabrese
Dozentin & Projektleiterin

CC Leiterin Behinderung &

Lebensqualität

HSLU – Soziale Arbeit

Institut für Sozialpädagogik

und Bildung

stefania.calabrese@hslu.ch

Literatur

Bogner, A., Littig, B. & Menz, W. (2002). Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung. VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bronfenbrenner, U. (1981): Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Natürliche und geplante Experimente. Klett Cotta.

Büschi, E., Moramana, N., Calabrese, S. & Zambrino, N. (2022). Sichtweisen von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen – Schwierigkeiten und präventive Aspekte in Interaktion, Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Soziale Passagen, 14 (2), 423–440. https://doi.org/10.1007/s12592-022-00425-5

Calabrese, S. (2017). Herausfordernde Verhaltensweisen – Herausfordernde Situationen: ein Perspektivenwechsel. Eine qualitativ-videoanalytische Studie über die Gestaltung von Arbeitssituationen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen. Klinkhardt.

Flade, A. (2020). Kompendium der Architekturpsychologie. Zur Gestaltung gebauter Umwelten. Essentials. Springer.

Mayring, P. (2015). Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken (12., überarb. Aufl.). Beltz.

Meuth, M. (2017). Theoretische Perspektiven auf Wohnen: Ein mehrdimensionales Wohnverständnis in erziehungswissenschaftlicher Absicht. In M. Meuth (Hrsg.), Wohn-Räume und pädagogische Orte. Erziehungswissenschaftliche Zugänge zum Wohnen (S. 97–122). Springer Fachmedien.

Purkarthofer, B. & Friehs, B. (2022). Mensch und Raum, eine glückliche Beziehung? Wohnpsychologie als Planungsgrundlage für Humanes Bauen. Springer.

Theunissen, G. (2021). Geistige Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten. Klinkhardt.

  1. Mit dem ökosystemischen Umweltmodell begründete Uri Bronfenbrenner (1981) den systemökologischen Ansatz (Kiessl, 2019). Betont wird, dass herausforderndes Verhalten im Kontext von Beziehungen, Umweltbedingungen und den zugrunde liegenden Funktionalitäten zu untersuchen ist (Büschi et al., 2022).

  2. Namentlich gilt der aufrichtige Dank für die Mitwirkung Frau Dipl.-Ing. Andrea Möhn von AM_A Andrea Möhn Architects, Frau Dipl.-Ing. Ursula Spannberger von RAUM.WERT.cc, Herrn Fabian Müller von der Stiftung Brändi und Herrn Adrian Moser von der Stiftung Lebenshilfe.