Chancen und Grenzen für das Bildungsmonitoring in der Schweiz
Zusammenfassung
Das Bildungsmonitoring in der Schweiz weist im Bereich der Sonderpädagogik Lücken auf. Da geeignete Daten fehlen, sind die schulische Integration und integrative schulische Massnahmen derzeit unzureichend erforscht. Der Artikel zeigt am Beispiel des Forschungsprojekts RILZCHECK, dass Datenverknüpfungen ein vielversprechender Ansatz sind, um die bestehenden Forschungslücken zu schliessen. Sie sind aber nur ein Baustein für ein umfassendes Bildungsmonitoring im Bereich der Sonderpädagogik. Zusätzliche Erhebungen bleiben notwendig, um zentrale Fragen zu klären.
Résumé
Le monitorage de l’éducation en Suisse présente des lacunes dans le domaine de la pédagogie spécialisée. En raison du manque de données adéquates, l’intégration scolaire et les mesures scolaires d’intégration sont insuffisamment étudiées. Cet article montre, à partir du projet de recherche RILZCHECK, que le couplage de données constitue une approche prometteuse pour combler les lacunes de la recherche. Toutefois, il ne s’agit que d’un élément parmi d’autres pour un monitorage de l’éducation complet de la pédagogie spécialisée. Des enquêtes supplémentaires restent nécessaires pour répondre aux questions centrales.
Keywords: Inklusion, schulische Integration, Bildungsmonitoring, Leistungsmessung, Lernzielreduktion, Sonderpädagogik / inclusion, intégration scolaire, monitorage de l’éducation, évaluation des compétences, réduction des objectifs d'apprentissage, pédagogie spécialisée
DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-04-02
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 04/2026
Gemäss Bundesverfassung (Art. 61a, Abs. 1 und 2) sind Bund und Kantone gemeinsam dafür verantwortlich, dass das Schweizer Bildungssystem durchlässig ist und eine hohe Qualität aufweist. Dies soll durch das Bildungsmonitoring sichergestellt werden: Es liefert kontinuierlich Informationen und Daten zum Bildungssystem in der Schweiz.
Lange fehlten eine systematische Zusammenstellung des Wissens und spezifische Daten zur Sonderpädagogik. Vor wenigen Jahren legte Kronenberg (2021) einen umfassenden Bericht zur Sonderpädagogik in der Schweiz vor, der auf eine gewichtige Lücke im Bildungsmonitoring hinweist und diese ansatzweise schliesst. Der Bericht ordnet das vorhandene Wissen zur Sonderpädagogik und hält Fortschritte hinsichtlich der Datenlage fest. Verbessert hat sich die Datenlage insbesondere durch die Statistik der Sonderpädagogik, die das Bundesamt für Statistik (2025a) seit dem Jahr 2019 publiziert. Trotz dieser Fortschritte bleiben jedoch wichtige Aspekte im Bereich der Sonderpädagogik weiterhin wenig untersucht.
Einer dieser wenig untersuchten Aspekte ist die schulische Integration von Lernenden mit besonderem Bildungsbedarf und damit der Umgang mit Heterogenität in integrativen Regelklassen. Dies ist problematisch, da Lernende mit besonderem Bildungsbedarf aufgrund nationaler und internationaler Gesetze seit rund 20 Jahren zunehmend integrativ unterrichtet werden. Es gibt verschiedene Massnahmen, um diese Lernende in Regelklassen zu unterstützen. Wie diese eingesetzt werden und wie sie wirken, ist bislang jedoch kaum bekannt. Diese Lücke im Bildungsmonitoring ist unter anderem auf knappe und undifferenzierte Daten zurückzuführen.
Der vorliegende Beitrag zeigt in einem ersten Schritt auf, worin diese Datenlücken bestehen. Darauf aufbauend stellt er anschliessend einen Ansatz vor, mit welchem neue Daten erschlossen werden können. Dieser ermöglicht es, integrative schulische Massnahmen und andere Aspekte der schulischen Integration zu erforschen. Abschliessend werden das Potenzial und die Grenzen dieses Ansatzes diskutiert.
Es gibt verschiedene Massnahmen, um die schulische Integration von Lernenden mit besonderem Bildungsbedarf in Regelklassen zu fördern. Sie lassen sich unterteilen in verstärkte und einfache Massnahmen. Verstärkte Massnahmen beinhalten eine intensive sonderpädagogische Unterstützung, meist durch ein standardisiertes Abklärungsverfahren verordnet. Einfache Massnahmen sind niederschwelliger und werden bei leichteren schulischen Schwierigkeiten eingesetzt (Sahli Lozano et al., 2021). Sie umfassen die integrative Förderung durch Heilpädagog:innen, Logopädie und Psychomotorik oder angepasste Leistungsbewertung wie Nachteilsausgleiche und angepasste Lernziele. Im Schuljahr 2023/24 hatten gemäss Bundesamt für Statistik (2025b) 3,9 Prozent aller Lernenden der obligatorischen Schule verstärkte Massnahmen. Von den einfachen Massnahmen werden schweizweit aktuell nur angepasste Lernziele erfasst. Sie werden bei rund 4,8 Prozent aller Lernenden eingesetzt. Je nach Kanton sind die Massnahmen verschieden ausgestaltet und werden unterschiedlich häufig angewendet.
Integrative schulische Massnahmen sind ein wesentlicher Bestandteil des Schulalltags. Trotzdem wurde bislang nur punktuell untersucht, wie diese Massnahmen eingesetzt werden und welche Folgen sie für die Lernenden haben. Die Längsschnittstudie BELIMA im Kanton Bern zeigt unter anderem, dass einfache Massnahmen je nach Schulstandort und familiärem Hintergrund unterschiedlich häufig vergeben werden (Sahli Lozano et al., 2023). Zudem wirken sich insbesondere angepasste Lernziele negativ auf die Entwicklung der schulischen Leistung aus (Sahli Lozano et al., 2024). Weitere Befunde deuten darauf hin, dass einfache Massnahmen zusammenhängen mit geringeren Erwartungen seitens der Lehrpersonen, einem tieferen akademischen Selbstkonzept der Lernenden und einer schlechteren sozialen Integration (Altmeyer et al., 2018; Sahli Lozano et al., 2022).
In der Sonderpädagogik fehlen umfassende und ausreichend differenzierte Daten von hoher Qualität. Deshalb sind integrative schulische Massnahmen – trotz ihrer Relevanz – bislang kaum wissenschaftlich untersucht und im Bildungsmonitoring behandelt worden. Zwar liegen einzelne Datenbestände und Studien vor, sie weisen aber Limitationen auf. Es gibt nur wenige Befragungsstudien, die persönliche Angaben zum Erhalt integrativer Massnahmen sammeln (z. B. BELIMA, SINUS, WIRK). Sie liefern zwar vielseitige Informationen zu Lernerfahrungen und -ergebnissen in integrativen Klassen und lassen sich gut anpassen an bestimmte Fragestellungen. Allerdings beziehen sie meist nur wenige Lernende ein. Das schränkt nicht nur die Bandbreite möglicher Analysen ein. Die Ergebnisse sind auch weniger verallgemeinerbar und lassen sich weniger auf andere Kontexte übertragen. Zusätzlich sind die Daten durch Antwortverzerrungen und Ausfälle in der Stichprobe weniger aussagekräftig und verlässlich. Hinzu kommt, dass solche Studien aufwendig sind, oft nur über wenige Jahre laufen und im Verhältnis wenig kosteneffizient erscheinen.
Grossangelegte landesweite Lernstandserhebungen (z. B. PISA, ÜGK) werden im Bildungsmonitoring eingesetzt, um das Bildungssystem zu beurteilen (EDK, 2025). Sie umfassen nebst umfangreichen Daten zu Lernenden und Schulen auch standardisierte, vergleichbare Angaben zu schulischen Leistungen. Aktuell erfassen sie integrative schulische Massnahmen jedoch nicht und schliessen bestimmte Lernende mit kognitiven oder funktionalen Behinderungen komplett aus. Weiter erfassen derartige Lernstandserhebungen typischerweise nur einen einzelnen Zeitpunkt. Deshalb kann nicht untersucht werden, wie sich die individuellen Leistungen von Lernenden entwickeln und wie ihre Bildungswege weiterverlaufen.
Daten fehlen auch in der nationalen Bildungsstatistik. Die Statistik der Sonderpädagogik des Bundesamtes für Statistik (2025a) gibt ein Gesamtbild zu Sonderschulung, verstärkten Massnahmen und angepassten Lernzielen. Sie wird aber kantonal und national gesammelt präsentiert und erlaubt dadurch keine Einblicke für einzelne Schulen. Weiter werden keine Informationen zu den Lernerfahrungen und -ergebnissen der einzelnen Lernenden erhoben. Deshalb kann nicht geprüft werden, wie wirksam die erfassten integrativen schulischen Massnahmen sind.
Für die weiterführende Forschung und ein effektives Monitoring braucht es umfassende, längsschnittliche und auf unterschiedlichen Ebenen auswertbare Daten zu einzelnen Lernenden. Diese Daten sollen differenzierte Angaben zu integrativen schulischen Massnahmen enthalten und vielseitig mit individuellen Lernvoraussetzungen, -erfahrungen und -ergebnissen in Bezug gesetzt werden können.
Mit Datenverknüpfungen ist das Kombinieren von unabhängig voneinander erhobenen Daten gemeint. Dieses Vorgehen kann bereits existierende Daten für zusätzliche Zwecke nutzbar machen (Connelly et al., 2016; Harron et al., 2017). Im Forschungsprojekt RILZCHECK[1] wird dieser Ansatz genutzt, um eine neue Datenquelle zu erschliessen. Dies soll es ermöglichen, integrative schulische Massnahmen zu erforschen.
Das Projekt RILZCHECK analysiert angepasste Lernziele, eine der häufigsten integrativen schulischen Massnahmen. Bei angepassten Lernzielen werden Lerninhalte und -ziele individuell für einzelne Lernende in einem oder mehreren Fächern angepasst. Typischerweise handelt es sich um Lernzielreduktionen, die sich primär an Lernende mit tieferen schulischen Leistungen richten. Im Vordergrund von RILZCHECK stehen die Vergabemuster von angepassten Lernzielen, die Auswirkungen der Massnahme auf die schulische Leistung und die nachobligatorischen Bildungsverläufe.
Kern des Projekts RILZCHECK sind die schulischen Leistungstests, die sogenannten Checks. Sie finden seit 2013 jährlich auf unterschiedlichen Klassenstufen in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn statt (BRNWCH, 2025). Die Checks erfassen nebst standardisierten Leistungsdaten in unterschiedlichen Fächern auch individuelle und fachspezifische Angaben zu angepassten Lernzielen. Weil die Teilnahme an schulischen Leistungstests für alle Lernenden an öffentlichen Schulen obligatorisch ist, beziehen die Checks nahezu alle Lernenden der vier Kantone ein. In den Jahren 2013 bis 2024 konnten so rund 490 000 Beobachtungen von rund 226 000 Lernenden aus rund 1 200 Schulen analysiert werden.
Die Daten der Checks werden über (pseudonymisierte) AHV-Nummern der Lernenden mit Registerdaten der Bundesverwaltung verknüpft (vgl. Abb. 1). Dadurch werden Informationen zum sozioökonomischen Hintergrund, zur Migrationsgeschichte sowie zum Haushalt der Lernenden verfügbar und ihre Bildungsverläufe lassen sich detailliert verfolgen.
Dieser umfangreiche Datenbestand ermöglicht verschiedene Analysen. Erstmalig kann untersucht werden, wie unterschiedlich angepasste Lernziele in verschiedenen Kantonen vergeben werden: in Bezug auf die Herkunft der Lernenden, regionale Unterschiede sowie zwischen Fächern, Schulen und Klassen und über mehrere Schulstufen hinweg. Weiter kann der Lernzuwachs abhängig vom Erhalt angepasster Lernziele analysiert werden. Zudem können die nachobligatorischen Bildungsverläufe ganzer Jahrgangskohorten untersucht werden, mit hohem Differenzierungsgrad und weitgehend ohne Stichprobenausfälle und Antwortverzerrungen.
Datenverknüpfungen haben grosses Potenzial, das Bildungsmonitoring im Bereich der Sonderpädagogik zu ergänzen und weiterzuentwickeln. Folgende Chancen zeigen sich am Beispiel von RILZCHECK:
Jedoch zeigen sich auch Grenzen der Datenverknüpfungen:
Im Bereich der Sonderpädagogik hat das Bildungsmonitoring in der Schweiz in vielerlei Hinsicht Nachholbedarf. Verfügbare Daten aus Forschungsprojekten, dem nationalen Bildungsmonitoring und der amtlichen Statistik berücksichtigen Aspekte der Sonderpädagogik nur begrenzt. Datenverknüpfungen sind eine vielversprechende Möglichkeit, um mit vorhandenen Datenbeständen Lücken im Bildungsmonitoring zu schliessen. Am Beispiel des Projekts RILZCHECK wurde die Umsetzung einer Datenverknüpfung gezeigt. Daten aus Lernstandserhebungen und amtlichen Registern reichen jedoch nicht aus, um zugrundeliegende Mechanismen zu verstehen. Es braucht zusätzliche Befragungen, welche ergänzende Daten liefern. Somit sind Datenverknüpfungen allein kein Allheilmittel gegen die Datenknappheit beim Bildungsmonitoring im Bereich der Sonderpädagogik.
Um das Bildungsmonitoring im Bereich der Sonderpädagogik weiterzuentwickeln, erscheint es besonders vielversprechend, wenn grossangelegte Lernstandserhebungen wie die Checks mit einem flexibel anwendbaren Kurzfragebogen ergänzt würden. Ebenso wäre es wünschenswert, wenn Erhebungen im Rahmen des nationalen Bildungsmonitorings und amtliche Statistiken Aspekte der Sonderpädagogik differenzierter erfassen und diese Daten für Forschungszwecke zur Verfügung stellen würden. Erst wenn auf verschiedenen Ebenen mehr Daten erhoben werden, kann die Sonderpädagogik angemessen ins Bildungsmonitoring einbezogen werden.
Prof. Dr. Caroline Sahli Lozano Inklusive Bildung Pädagogische Hochschule Bern | Dr. Robin Benz Pädagogische Hochschule Bern | Esperanza Marx Pädagogische Hochschule Bern |
Altmeyer, S., Burkhardt, S. C. A., Hättich, A., Krauss, A., Venetz, M. & Lanfranchi, A. (2018). Pilotstudie WiRk – Wirksamkeit sonderpädagogischer Massnahmen in integrativen Regelklassen. Effekte sonderpädagogischer Massnahmen auf schulische Leistungen, Verhaltenskompetenzen und subjektives Befinden. Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik.
BRNWCH (2025). Checks im BR NWCH 2013–2025 (Version 5.0). FORS. https://doi.org/10.48573/mdbd-x247
Bundesamt für Statistik (2025a). Sonderpädagogik. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bildung-wissenschaft/personen-ausbildung/obligatorische-schule/sonderpaedagogik.html [Zugriff: 27.10.2025]
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EDK (2025). Bildungsmonitoring. https://www.edk.ch/de/themen/bildungsmonitoring [Zugriff: 27.10.2025]
Harron, K., Dibben, C., Boyd, J., Hjern, A., Azimaee, M., Barreto, M. L. & Goldstein, H. (2017). Challenges in administrative data linkage for research. Big Data & Society, 4 (2), 1–12. https://doi.org/10.1177/2053951717745678
Kronenberg, B. (2021). Sonderpädagogik in der Schweiz: Bericht im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) im Rahmen des Bildungsmonitorings. SBFI und EDK.
Sahli Lozano, C., Brandenberg, K., Ganz, A. S. & Wüthrich, S. (2022). Accommodations, modifications, and special education interventions: Influence on teacher expectations. Educational Research and Evaluation, 27 (5–8), 396–419. https://doi.org/10.1080/13803611.2022.2103571
Sahli Lozano, C., Brandenberg, K., Wicki, M., Troesch, L. M. & Wüthrich, S. (2024). The effects of accommodations and curriculum modifications on academic performance and perceived inclusion: A prospective longitudinal study among students in Switzerland. European Journal of Special Needs Education, 39 (3), 399–414. https://doi.org/10.1080/08856257.2023.2227527
Sahli Lozano, C., Crameri, S. & Gosteli, D. A. (2021). Integrative und separative schulische Massnahmen in der Schweiz (InSeMa). Kantonale Vergabe und Umsetzungsrichtlinien. Edition SZH/CSPS.
Sahli Lozano, C., Setz, F., Wüthrich, S. & Wicki, M. (2023). Integrative Förderung für Lernende mit besonderem Bildungsbedarf. Inter- und intrakantonale Heterogenität bezüglich Zielgruppe und Umsetzung. Swiss Journal of Educational Research, 45 (3), 320–334. https://doi.org/10.24452/sjer.45.3.8
Nähere Informationen zum Projekt sind verfügbar unter: www.phbern.ch/rilzcheck. ↑