Damit alle Schüler:innen ihr Potenzial ausschöpfen können

Der «Chancenindex» als Instrument für Bildungsmonitoring

Jürg Schoch

Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wo im Schweizer Schulsystem bislang ungenutztes Potenzial liegt und wie dieses in der Schule sichtbar gemacht werden kann. Dabei geht es um empirisch gut belegte Zusammenhänge zwischen Bildungserfolg, sozialer Herkunft, Sprache und Geschlecht. Der «Chancenindex» ist ein Instrument des schulbezogenen Bildungsmonitorings. Er ermöglicht Schulen eine anonymisierte und datenschutzkonforme Analyse von Bildungsungleichheiten auf Gruppenebene. Im Folgenden werden die Chancen, Herausforderungen bei der Entwicklung und Risiken des Instruments diskutiert und in bestehende schulische Entwicklungsprozesse eingeordnet.

Résumé
Cet article s’intéresse aux opportunités inexploitées du système scolaire suisse et sur la manière de les mettre en évidence au sein de l’école. Il aborde les corrélations, solidement étayées par des données empiriques, entre la réussite scolaire, l’origine sociale, la langue et le genre. « L’indice de chance » est un outil du monitorage de l’éducation. Il permet aux écoles de réaliser une analyse, anonymisée et conforme à la protection des données, des inégalités scolaires à l’échelle de groupes. Dans ce qui suit, les opportunités, les défis de développement ainsi que les risques liés à cet outil sont examinés et replacés dans le contexte du processus de développement scolaire existant.

Keywords: Bildungsmonitoring, Bildungsbenachteiligung, Chancengerechtigkeit, soziale Herkunft, Selektion, Steuerung / monitorage de l’éducation, inégalités scolaires, équité des chances, origine sociale, sélection, pilotage

DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-04-03

Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 04/2026

Creative Common BY

Bildungsbenachteiligung im Schweizer Schulsystem

Obwohl das Bildungssystem der Schweiz als leistungsfähig gilt, zeigen sich seit Jahren stabile Muster von Bildungsbenachteiligung. Bildungserfolg ist eng verknüpft mit der sozialen Herkunft, der Familiensprache und dem Geschlecht. Neben Kindern und Jugendlichen mit kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen lassen sich drei soziale Gruppen identifizieren, die überdurchschnittlich von eingeschränkten Bildungschancen betroffen sind (SKBF, 2026; Schoch, 2024). Erstens betrifft dies Kinder und Jugendliche aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status. Gemäss Angaben der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) erhalten rund 4,8 Prozent aller Minderjährigen Sozialhilfe (BASS, 2024). Bis zum Alter von 15 Jahren sind dies rund 63 000 Kinder und Jugendliche. Zweitens sind Kinder und Jugendliche oft benachteiligt, wenn ihre Eltern keinen nachobligatorischen Bildungsabschluss haben. Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS, 2023) verfügen in der Schweiz rund 13 bis 14 Prozent der 25- bis 64-Jährigen über keinen nachobligatorischen Bildungsabschluss. Das heisst, sie haben weder einen Abschluss der Sekundarstufe II noch der Tertiärstufe. Diese Altersgruppe bildet einen wesentlichen Teil der Elterngeneration. Der Bildungsstand der Eltern wiederum ist zentral für den Bildungserfolg der Kinder. Längsschnittanalysen des BFS sowie internationale Vergleichsstudien der OECD zeigen, dass Kinder von Eltern ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss deutlich geringere Chancen haben, selbst einen Abschluss auf Sekundarstufe II oder Tertiärstufe zu erwerben. Dies zeigt, dass es eine strukturelle intergenerationale Bildungsbenachteiligung gibt (OECD, 2023). Drittens sind Kinder betroffen, die zu Hause nicht die Unterrichtssprache sprechen. Gemäss dem Bildungsbericht Schweiz 2023 sprechen rund 19 Prozent der Schüler:innen im obligatorischen Schulalter zu Hause nicht die Unterrichtssprache. Schweizweit betrifft das etwa 190 000 Kinder und Jugendliche. Der Anteil fremdsprachiger Kinder variiert kantonal stark und liegt in einzelnen Kantonen bei bis zu rund 30 Prozent (SKBF, 2023).

Auch wenn sich diese Kategorien überschneiden, können wir davon ausgehen, dass jährlich rund 100 000 bis 120 000 Kinder und Jugendliche ihr schulisches Potenzial nicht voll ausschöpfen. Das entspricht etwa 9000 bis 11 000 Kindern und Jugendlichen pro Jahrgang der Volksschule. Diese Zahlen dienen im vorliegenden Beitrag der Kontextualisierung. Sie sind nicht mit den konkret im Chancenindex ausgewerteten Schuldaten gleichzusetzen.

Dort hinschauen, wo schulisches Handeln wirksam wird

Bildungsbenachteiligung entsteht also durch familiäre und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Sie zeigt sich aber vor allem im Schulalltag – im Unterricht, in der Schulkultur und in den strukturellen Bedingungen einzelner Schulen. Gleichzeitig liegen in der Schule relevante Handlungsspielräume.

Forschungsergebnisse verweisen auf die zentrale Bedeutung der Lehrpersonen, ihrer professionellen Überzeugungen, ihrer didaktischen Kompetenzen und der Qualität individueller Förderung (Kamm et al., 2023). Ebenso prägend sind schulische Leitbilder, Kooperationsformen, Förderangebote und ein gemeinsames Verständnis von Chancengerechtigkeit der einzelnen Schuleinheiten (Maag Merki, 2023). Innerhalb der kantonal unterschiedlichen Strukturen, die sich beispielsweise in der Gestaltung der Übergänge und der Sekundarstufe I unterscheiden, verfügen Schulen zudem über beträchtliche Gestaltungsmöglichkeiten.

Damit Schulen innerhalb dieser Strukturen wirksam handeln können, müssen sie systematisch und flächendeckend hinschauen. Sie müssen bildungsrelevante Daten so erheben und interpretieren, dass sie kollektive Reflexionsprozesse anregen und handlungsleitend wirken können. Dies setzt eine Schulkultur voraus, die ressourcenorientiertes Denken fördert und analytische Ergebnisse potenzialorientiert deutet. Idealerweise ist ein Schulteam für die Frage sensibilisiert, ob und welche Gruppen von Schüler:innen ihr Potenzial nicht ausschöpfen können. Solche Schulteams erhalten die Möglichkeit, Schlussfolgerungen im Hinblick auf Verbesserungsmassnahmen zu ziehen.

Der «Chancenindex» als Instrument schulbezogenen Bildungsmonitorings

Vor diesem Hintergrund wird derzeit der Chancenindex als Instrument entwickelt. Er soll Schulteams ermöglichen, Bildungsungleichheiten auf Schulebene datengestützt und datenschutzkonform zu analysieren. Konzeptionell basiert er auf dem Tool Isa (Intelligent school allocation)[1] (Dlabac et al., 2021; Kienberger, 2024). Ziel ist es, sichtbar zu machen, welche Gruppen von Schüler:innen besonders von strukturellen Benachteiligungsrisiken betroffen sind und wo bislang ungenutztes schulisches Potenzial vermutet wird.

Der Index basiert auf anonymisierten schulischen und statistischen Daten und unterscheidet acht Gruppen von Schüler:innen entlang dreier analytischer Merkmale: Geschlecht (Mädchen/Jungen), Erstsprache des Kindes (Deutsch/Fremdsprache) und sozioökonomischer Status der Herkunftsfamilie (armutsbetroffen/nicht armutsbetroffen). Diese Gruppierungen sind als analytische Konstrukte und nicht als pädagogische Zuschreibungen an einzelne Kinder oder Jugendliche zu verstehen. Konkret werden folgende Gruppen unterschieden:

Für den Chancenindex werden Daten aus den kantonalen Bildungsstatistiken verwendet und mit Daten aus den Schulgemeinden ergänzt. Daraus entstehen deskriptive sowie multivariate Angaben zu den folgenden Aspekten:

Dabei werden jeweils für jeden Aspekt zwei Fragen beantwortet:

  1. Wie hoch ist der prozentuale Anteil des interessierenden Aspekts in jeder der acht Gruppen von Schüler:innen?
    Die Darstellung dieser Antwort erfolgt rein deskriptiv mit Hilfe von Balkendiagrammen.
  2. Wie gross ist der Beitrag der drei Merkmale sozialer Status (Armutsbetroffenheit), Sprache (andere Erstsprache als Deutsch) und benachteiligtes Geschlecht zu diesen Befunden? Diese Resultate werden automatisch mittels multipler Regressionen berechnet und in Form einer reduzierten Wahrscheinlichkeit (in Prozenten) dargestellt.

Fakten zum «Chancenindex»

Zielgruppe: Schuleinheiten und Schulgemeinden

Auftraggeberin: Allianz Chance+

Entwicklung: ville juste, Dr. Oliver Dlabac

Begleitung: rund ein Dutzend Fachpersonen aus Praxis, Wissenschaft und Verwaltung

Entwicklungszeitraum Phase I: Herbst 2024–Sommer 2026

Erarbeitung Schulentwicklungskonzepte und -support: PH Zug, Institut IZB

Finanzielle Unterstützung: Stiftungen (Prof. Dr. Otto Beisheim Stiftung, dalyan foundation, Jacobs Foundation, Stiftung Mercator Schweiz, Volkart Stiftung)

Verwendung: kostenlos ab Spätherbst 2026

Die Abbildungen zeigen anhand der Mathematiknoten ein Beispiel einer ausgewählten Schuleinheit für Zyklus 2.

Abbildung 1: Deskriptive Darstellung am Beispiel Mathematiknoten (vorläufige Fassung)

Abbildung 2: Darstellung der multivariaten Auswertung (Wahrscheinlichkeiten) am Beispiel Mathematiknoten (vorläufige Fassung)

Die Darstellungen werden durch Erläuterungen zu den Daten ergänzt, die interaktiv aufgeklappt werden können. Vorgesehen sind mittelfristig auch Vorschläge für mögliche geeignete Massnahmen zur Verbesserung der Situation sowie Hinweise zu den statistischen Verfahren. In einer späteren Phase erhalten die Schulen die Möglichkeit, ihre Daten jährlich wiederkehrend auszuwerten und so die eigenen Entwicklungen längerfristig zu verfolgen.

Herausforderungen bei der Entwicklung

Die Entwicklung und die Umsetzung eines solchen Instruments sind mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Besonders zentral ist die Frage, wie verlässliche Angaben zur Armutsbetroffenheit beziehungsweise zum sozioökonomischen Status erhoben werden können, ohne Datenschutzbestimmungen zu verletzen oder die Anonymität der Betroffenen zu gefährden. Diskutiert werden hierzu Schnittstellen zu kommunalen Steuerämtern unter Einbezug kantonaler Datenschutzstellen.

Aufgrund der geringen Fallzahlen im Bereich der Sonderpädagogik erfordert der Datenschutz in diesem Bereich einen höheren Aggregationsgrad für die Steuerdaten. Aus diesem Grund sind für die sonderpädagogischen Aspekte lediglich Aussagen zur Schulgemeinde, nicht aber zu einzelnen Schulen möglich. Für die Verarbeitung der Steuerdaten wird ein separates Offline-Tool eingesetzt, das den Steuerämtern zusammen mit einem codierten Aggregationsverzeichnis zur Verfügung gestellt wird. Die Individualdaten verbleiben ausschliesslich auf den Computern der Steuerämter, während der Chancenindex lediglich aggregierte Daten erhält. So können die Gruppen von Schüler:innen nach ihrer Armutsquote ausgewertet werden, ohne dass sensible Daten nach aussen gelangen.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, den Zusatzaufwand für Schulen klein zu halten, etwa durch das automatische Einlesen vorhandener Daten aus der kantonalen Bildungsstatistik. Dies setzt allerdings die Bereitschaft der kantonalen Behörden voraus.

Wichtig ist schliesslich, dass die Ergebnisse für die Schulen benutzerfreundlich aufbereitet und kommentiert werden. Und nicht zuletzt stellt sich die Frage, wie Schulen bei der Interpretation der Daten professionell begleitet werden können, um vorschnelle oder verkürzte Schlussfolgerungen zu vermeiden.

Chancen und Nutzen für die schulische Praxis

Der Chancenindex ermöglicht es Schulen, selbstständig potenziell benachteiligte Gruppen von Schüler:innen zu ermitteln und über ihre Förderung nachzudenken. Bei niederschwelliger und kostenloser Nutzung unterstützt er Schulteams dabei, implizite Annahmen über Gruppen von Schüler:innen zu überprüfen und eigene Wahrnehmungen datenbasiert zu reflektieren.

Der Index kann somit der Ausgangspunkt für gezielte Förder- und Entwicklungsprozesse sein, die an die bestehenden schulischen Ressourcen anknüpfen. Da die Ergebnisse einzelnen Schulen zur Verfügung gestellt werden, stärkt das Instrument eine kollektive Verantwortung für Chancengerechtigkeit und vermeidet individuelle Zuschreibungen.

Risiken und Grenzen

Wie jedes datenbasierte Instrument ist auch der Chancenindex mit Risiken verbunden. Seine Aussagekraft hängt von der Verfügbarkeit und Qualität der Daten ab, die je nach Kanton oder Gemeinde unterschiedlich ausfallen können. Zudem besteht die Gefahr einer defizitorientierten Interpretation, bei der Gruppen von Schüler:innen stigmatisiert werden, anstatt vorhandene Potenziale in den Blick zu nehmen.

Ein weiteres Risiko liegt in der Überlastung von Schulteams. Wird der Chancenindex als zusätzliche Aufgabe ohne strukturelle Einbettung eingeführt, kann dies zu Ermüdungserscheinungen führen. Der Fokus auf Chancengerechtigkeit sollte somit konsequent in bestehende Schulentwicklungsprozesse integriert werden. Zudem sollten nur dann Zusatzstrukturen (bspw. in Form von gesonderten Förderprogrammen) geschaffen werden, wenn diese gezielt grosse Wirkung versprechen.

Fazit

Der Chancenindex versteht sich nicht als externes Steuerungsinstrument, sondern als Impulsgeber für professionelle Reflexion. Er kann Schulen dabei helfen, gezielt zu erkennen, wann ihr Handeln besonders dazu beiträgt, das Potenzial aller Schüler:innen – insbesondere benachteiligter Gruppen – zu entfalten. Entscheidend für seinen Nutzen ist weniger die technische Präzision als die Art und Weise, wie die gewonnenen Erkenntnisse in eine ressourcenorientierte, gemeinsam getragene Schulentwicklung eingebettet werden. Gelingt die Entwicklung, soll der Chancenindex ab Herbst 2026 allen Schulen in denjenigen Kantonen kostenlos zur Verfügung stehen, die die erforderlichen Daten aus der kantonalen Bildungsstatistik bereitstellen.

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Dr. phil. Jürg Schoch
em. Professor Zürcher Fachhochschule ZFH

Präsident Allianz Chance+

präsident@chanceplus.ch

Literatur

BASS (2024). Die materielle Situation von Kindern und Jugendlichen in der Sozialhilfe. Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien. https://skos.ch/fileadmin/user_upload/skos_main/public/pdf/Publikationen/Studien/241017_Kinder_in_der_Sozialhilfe_Schlussbericht_BASS_2024.pdf

BFS (Bundesamt für Statistik) (2023). Bildungsstand der Bevölkerung (25–64 Jahre). https://www.bfs.admin.ch/bfs/rm/home.assetdetail.32072025.html [Zugriff: 20.04.2026]

Dlabac, O., Amrhein, A. & Hug, F. (2021). Durchmischung in städtischen Schulen, eine politische Aufgabe? Studienberichte des Zentrums für Demokratie Aarau, Nr. 17. https://www.zdaarau.ch/wp-content/uploads/Studienbericht_ZDA_17_Durchmischung_staedtische_Schulen_Bericht.pdf

Kamm, C., Maag Merki, K., Suter, F. & Schoch, J. (2023). Die Reduktion von Bildungsbenachteiligung in der Volksschule. Theoretische Grundlagen und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Allianz Chance+. https://chanceplus.ch/wp-content/uploads/2023/12/Paper_VSA_Bildungsbenachteiligung_def._final.pdf

Kienberger, M. (2024). Ein Algorithmus teilt Kinder in Klassen ein. Bildung Schweiz, 2, 24–25. https://www.bildungschweiz.ch/detail/ein-algorithmus-teilt-kinder-in-klassen-ein [Zugriff: 20.04.2026]

Maag Merki, K. (2022). Reduktion von Bildungsbenachteiligung in der Volksschule: Inhaltliche Grundlagen und konkrete Handlungsmöglichkeiten. Unveröffentlichtes Referat, Volksschulamt des Kantons Zürich.

OECD (2023). Education at a glance. OECD Publishing. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2023/09/education-at-a-glance-2023_581c9602/e13bef63-en.pdf

Schoch, J. (2024). Schweiz, wir haben ein Problem – Benachteiligung in der Bildung. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 30 (7), 2–9. https://doi.org/10.57161/z2024-07-01

SKBF (2023). Bildungsbericht Schweiz 2023. Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung. https://www.skbf-csre.ch/fileadmin/files/pdf/bildungsberichte/2023/BiBer_2023_D.pdf

SKBF (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung. https://www.skbf-csre.ch/fileadmin/files/pdf/bildungsberichte/2026/BiBer_2026_DE.pdf

  1. Das Tool Isa ist ein entwickelter Algorithmus für die Schulzuteilung, der erstmals im Jahr 2023 eingesetzt wurde.