Offene Lernsettings als Antwort auf Vielfalt

Barbara Egloff

DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-02-00

Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 02/2026

Creative Common BY

Offene Lernsettings sind kein Modetrend, sondern eine logische und notwendige Antwort auf die Realität in der Schule. In Schweizer Regelklassen lernen heute Kinder und Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, kulturellen Hintergründen, sprachlichen Kompetenzen und individuellen Förderbedarfen gemeinsam. Die Klassen werden zunehmend vielfältiger, wodurch der gleichschrittige Unterricht immer häufiger an seine Grenzen stösst. Konzepte wie Universal Design for Learning oder Diklusion verdeutlichen, dass sich im Bildungssystem ein grundlegender Wandel vollzieht. Offene Lernsettings sind auf mehr Zugänglichkeit, Teilhabe und Chancengerechtigkeit ausgerichtet. Sie haben das Potenzial, dass Lernende mehr Selbstwirksamkeit erfahren. Sie lernen eigenverantwortlich und werden durch Lehrpersonen individuell gefördert – vorausgesetzt, ihre Lernprozesse werden professionell geplant, systematisch begleitet und kontinuierlich reflektiert.

Die Artikel dieser Ausgabe zeigen deutlich, dass offene Lernsettings nicht bedeuten, dass Struktur verloren geht. Im Gegenteil: Es braucht andere, bewusst gestaltete Strukturen. Formate wie selbstorganisiertes Lernen, kooperative Arbeitsformen und flexible Lernlandschaften verlangen klare Absprachen, ein wirksames Classroom Management und verlässliche, tragfähige Beziehungen zwischen Lernenden und Lehrpersonen. Struktur entsteht dabei nicht mehr dadurch, dass alle Schüler:innen im gleichen Tempo dieselben Aufgaben zur selben Zeit bearbeiten. An ihre Stelle tritt ein klarer Rahmen aus transparenten Zielen, Wochenplänen, Lernateliers, verbindlichen Reflexionsphasen und gezielter Begleitung durch Fachpersonen.

Entscheidend ist, dass Lehr- und andere Fachpersonen das Verhalten der Lernenden nicht nur regulieren, sondern Lernen individuell verstehen und die Perspektiven aller Beteiligten systematisch einbeziehen und reflektieren. Die Lernenden sollen dort abgeholt werden, wo sie Unterstützung benötigen, ohne überfordert oder unterfordert zu werden.

Gerade für Lernende mit besonderem Förderbedarf hängt es von der Qualität dieser Rahmenbedingungen ab, ob offene Lernsettings und die neu gewonnene Verantwortung für den eigenen Lernprozess eine Chance oder ein Stolperstein sind. In diesem Zusammenhang verändert sich die Rolle der Lehrperson grundlegend – weg von der reinen Wissensvermittlung hin zur Lernbegleitung und zum Coaching. Sie beobachtet die Lernprozesse der Schüler:innen, setzt Impulse und unterstützt ihre individuellen Entwicklungswege.

Die Schule braucht offene Lernsettings, die verantwortungsvoll, reflektiert und nachhaltig gestaltet sind. Denn nur so kann Vielfalt nicht einfach reduziert oder reguliert werden, sondern als wertvolle Lernressource wirksam werden. Vielfalt wird dann nicht als Störfaktor oder Problem, sondern als pädagogisches Potenzial verstanden: Unterschiedliche Lernwege, Erfahrungen und Perspektiven sind Teil eines gemeinsamen, inklusiven Lernens und stärken die Schule als Lern- und Lebensraum.

Dr. phil. Barbara Egloff

Vize-Direktorin

SZH/CSPS

barbara.egloff@szh.ch