Zusammenfassung
Die You «C» Cards sind ein innovatives Piktogramm-Kartenset für den individuellen Instrumental- und Vokalunterricht. Ziel ist es, Unterrichtsinhalte und Strategien klarer sichtbar zu machen, Orientierung zu schaffen und Schüler:innen aktive Mitgestaltung zu ermöglichen. Dadurch werden Selbstbestimmung und Motivation nachhaltig gefördert. Die Karten sind besonders relevant für die inklusive musikalische Bildung, da sie als visuell unterstützendes System Überforderung präventiv entgegenwirken und individuelle Lernwege stärken. Dies ist ein zentraler Vorteil für neurodivergente Menschen und Menschen mit Behinderungen. Die Karten lenken den Blick auf die Ressourcen und Stärken der Lernenden.
Résumé
Les cartes « You ‹C› Cards » sont un jeu de cartes pictographique innovant destiné à l’enseignement individuel des instruments et du chant. L’objectif est de rendre le contenu et les stratégies d’enseignement plus claires, d’offrir des repères aux élèves et de leur permettre de participer activement. Ainsi, l’autodétermination et la motivation sont durablement renforcés. Ces cartes sont particulièrement pertinentes pour l'éducation musicale inclusive, car elles constituent un système de soutien visuel qui prévient la surcharge cognitive et renforce les parcours d'apprentissage individuels. Il s'agit là d'un avantage essentiel pour les personnes neurodivergentes et les personnes en situation de handicap. Les cartes mettent en lumière les ressources et les forces des apprenantes et apprenants.
Keywords: Inklusion, Selbstbestimmung, Partizipation, Neurodiversität, Lernprozess, Musikpädagogik / inclusion, autodétermination, participation, neurodiversité, processus d'apprentissage, pédagogie musicale
DOI: https://doi.org/10.57161/z2026-02-06
Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, Jg. 32, 02/2026
Partizipation bezeichnet die aktive Einmischung und Einflussnahme auf die Gestaltung des eigenen Lernens und der Lernumgebung (Kärtner et al., 2023). Gerade in spezialisierten Bildungsbereichen wie dem Musikunterricht kann Partizipation die intrinsische Motivation und das Wohlbefinden der Lernenden signifikant steigern (ebd.). Die Selbstbestimmungstheorie nach Decy und Ryan (1993) geht von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen aus: Autonomie, Kompetenz und Bezogenheit. Werden diese untergraben, kann dies dazu führen, dass Lernende das Musizieren gänzlich aufgeben (Evans et al., 2012).
Die You «C» Cards sind aus der Reflexion über meine eigene Lernbiografie entstanden, die massgeblich durch meine Neurodivergenz (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom [ADHS]) geprägt wurde. Besonders während meiner Grundschulzeit empfand ich den traditionellen Unterricht oft als ein Labyrinth voller Hindernisse, in dem ich Anweisungen befolgen musste, deren Sinn und Zweck mir nicht immer klar waren. In meiner musikalischen Ausbildung fehlte mir das Gefühl der Autonomie und Kompetenz, da ich oft einfach Verbesserungsvorschläge aufzunehmen hatte. Durch die vielen Lösungsvorschläge, die nicht meinen eigenen Gedanken entsprangen, fühlte ich mich oft nicht gut genug. Ich sah deshalb die Notwendigkeit, ein didaktisches Werkzeug zu schaffen, welches die psychologischen Grundbedingungen nach Autonomie, Kompetenz und Bezogenheit systematisch unterstützt. Das «C» im Namen steht für can, choose, create und construct. Das Konzept wurde in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus der Musikpädagogik, der Heilpädagogik und der Psychologie entwickelt.
Die You «C» Cards sind ein Set aus 80 farbig illustrierten Piktogrammkarten. Jede Karte enthält jeweils einen Begriff (entweder eine Kompetenz oder eine Tätigkeit) und eine ansprechende grafische Darstellung dieses Begriffs. Die grafischen Darstellungen sind klar, reduziert und diversitätsfreundlich gestaltet. Die Karten sind in zwei Hauptkategorien aufgeteilt:
Die Begriffe sind unterschiedlich komplex und bedürfen teilweise der Auseinandersetzung und Klärung. Natürlich gibt es immer Interpretationsspielraum und viele Möglichkeiten, individuelle Favoriten zusammenzustellen.
Die visuelle und reduzierte Gestaltung der You «C» Cards ist gezielt auf die Anforderungen neurodivers-sensitiver Lehr- und Lernsettings ausgerichtet:
Strukturierte Entscheidungsfindung und Autonomie
Die You «C» Cards fördern die Autonomie, indem sie Entscheidungsoptionen visualisieren. Dies ist für die Partizipation von zentraler Bedeutung.
Die Karten bieten Lehrpersonen einen einfachen Weg, Inklusion zu unterstützen. Lehrpersonen können ihre bewährten Methoden beibehalten. Gleichzeitig können sie den Lernenden mehr Orientierung und einen klaren Fokus bieten, wodurch inklusives Arbeiten ohne grossen Mehraufwand möglich wird.
Die You «C» Cards eignen sich besonders für den individuellen Instrumental- und Vokalunterricht, aber auch für Gruppen und inklusive Settings. Zur Zielgruppe gehören Lernende aller Altersstufen und Niveaus, wobei das visuelle System besonders neurodivergenten Menschen durch die klare Strukturierung von Inhalten Orientierung bietet. Um eine kognitive Überforderung zu vermeiden, wird im Unterricht meist eine gezielte Vorauswahl einiger Karten zur Verfügung gestellt, anstatt das gesamte Set von 80 Karten zu nutzen. Wie die Abfolge in Abbildung 1 verdeutlicht, kann so beispielsweise eine transparente Lektionsstruktur – vom rituellen Einstieg über einen technischen Fokus bis hin zum partizipativen Hauptteil – geschaffen werden. In einem oder mehreren flexiblen Abschnitten wählen die Schüler:innen eigenständig passende Karten, was ihre Selbstwirksamkeit und Motivation nachhaltig fördert. Karten zur Reflexion oder Repertoirepflege helfen dabei, den individuellen Lernweg sowie die erzielten Erfolge bewusst wahrzunehmen.
Menschen sind unterschiedlich, daher treffen diese Karten und Bilder möglicherweise nicht den persönlichen Geschmack aller. Zudem sind die You «C» Cards auf sehende Menschen ausgelegt und somit nicht komplett inklusiv. Ebenfalls empfiehlt sich ein sensibler Umgang mit der Menge an Auswahl/Informationen. Jede Person hat ihre individuellen Möglichkeiten und Vorlieben, um weder unter- noch überfordert zu sein. Da die Verwendung der Karten jedoch im Allgemeinen, Kommunikation, Transparenz und Partizipation fördert, gibt es auch mehr Raum, um Bedürfnisse auszudrücken und falls nötig Änderungs- oder Anpassungsvorschläge zu machen.
Die Lehrperson legt den gesamten Unterrichtsablauf als Kartenreihe auf den Tisch. Dabei baut sie flexible Teile ein, bei denen es Auswahlmöglichkeiten gibt. Die Lehrperson trifft die Vorauswahl anhand der lang- und kurzfristigen Unterrichtsziele, die im Idealfall mit den Schüler:innen gemeinsam festgelegt wurden. Diese flexible, aber sichtbare Struktur dient beiden Seiten als Anker und wirkt präventiv gegen Überforderung, da der Fokus klar kommuniziert ist. Im Folgenden werden drei konkrete Anwendungsbeispiele der You «C» Cards vorgestellt.
Erste explorative Befunde aus einer Pilotanwendung mit Schüler:innen im individuellen Musikunterricht (N = 7, erhoben mittels eines angepassten SRQ-A Fragebogens, basierend auf Ryan & Deci, 1989) zeigen vielversprechende Tendenzen:
Diese deskriptiven Daten legen nahe, dass die Piktogramm-Karten die Bedürfnisse nach Autonomie und Kompetenz bedienen und Partizipationseffekte nutzen. Dies kann wiederum die akademische Selbstwirksamkeit fördern. Die Karten sind somit ein wirksames Unterrichtswerkzeug, um Ziele klarer und nachvollziehbarer zu machen.
Das innovative Piktogramm-Kartenset You «C» Cards wurde konzipiert, um dem individuellen Instrumental- und Vokalunterricht eine transparente Struktur zu geben. Es soll die Partizipation und die psychologischen Grundbedürfnisse der Lernenden aktiv unterstützen (Schneiter, 2026). Die Karten leisten einen Beitrag zu mehr inklusiven Lernsettings, zunächst für die musikalische Ausbildung. Eine Weiterentwicklung oder eine Übertragung auf andere Bereiche ist jedoch durchaus denkbar. Ziel ist, dass sich das Projekt in vielen Unterrichtszimmern etabliert und dazu beiträgt, offene und neurodivers-sensitive Lernsettings zu schaffen.
Die You «C» Cards sind ab Januar 2026 erhältlich und richten sich an Musikschulen, integrative Bildungsangebote sowie alle, die mit Gruppen oder Einzelpersonen musikalisch arbeiten. Sie eignen sich für alle Altersgruppen und Niveaus.
Erhältlich unter: You «C» Cards | Duo Ayumé
Salomé Calina Schneiter Projektleitung You «C» Cards Verein Ayumé – Musik und salome.schneiter@bluewin.ch |
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https://doi.org/10.57161/z2025-07-01